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Das Verhältnis Mielke/Honecker und der "Rote Koffer"

Vortrag von Norbert Pötzl, Publizist und Autor

Norbert PötzlNorbert Pötzl Quelle: BStU

Der Mythos des roten Koffers beruht auf einem Wortwechsel, der in der letzten Sitzung des Politbüros am 17. Oktober 1989 stattfand, dessen Wortlaut nicht exakt überliefert ist und dessen Sinn völlig im Dunkeln liegt. Nachdem Willi Stoph Erich Honecker zum Rücktritt aufgefordert hatte, entspann sich eine Diskussion, in deren Verlauf Erich Mielke sinngemäß gesagt haben soll: "Erich, wenn du nicht zurücktrittst, dann packe ich aus, und dann werden sich noch manche wundern." Honecker soll irritiert geschaut und dann erwidert haben: "Dann tu's doch." Mielke habe dann noch etwas gegrummelt, aber niemand in der Runde hakte nach. Denn keiner verstand, womit Mielke da drohen wollte.

Von einem roten Koffer war in dieser Sitzung keine Rede. Der tauchte ja erst Ende Februar 1990 auf, als er in Mielkes Büro beschlagnahmt wurde. Öffentlich bekannt wurde seine Existenz durch die ZDF-Sendung "Kennzeichen D" im November 1990. Erst jetzt wurde ein möglicher Zusammenhang konstruiert zwischen dem Kofferinhalt und dem kurzen Disput im Politbüro.

Jetzt stellte sich auf einmal die Frage: Wollte Mielke Honecker erpressen? Um diese Frage beantworten zu können, muss man zunächst einige andere Fragen klären: Taugte der Inhalt überhaupt für eine Erpressung - objektiv oder auch nur aus Mielkes subjektiver Sicht? Falls man die Frage bejaht, ergibt sich die nächste: Hat Mielke die Papiere zum Zwecke einer möglichen Erpressung Honeckers aufbewahrt oder vielleicht aus einem anderen Grund? Und schließlich ist die Frage zu stellen: Wäre Mielke zu einer Erpressung im Stande gewesen, hätte man sie ihm zutrauen können?

Letztlich läuft alles darauf hinaus: Wie war das Verhältnis zwischen Honecker und Mielke, zwischen dem "großen" und dem "kleinen" Erich, wie sie landläufig genannt wurden.

Ich habe für meine Honecker-Biografie mit einigen Leuten gesprochen, die sowohl Honecker als auch Mielke recht gut kannten, und sie beschrieben alle die Beziehung - überspitzt ausgedrückt - wie zwischen Herr und Hund. Mielke habe sich stets unterwürfig, liebedienerisch, kriecherisch verhalten. Honecker konnte Mielke in Politbürositzungen als etwas vertrottelte Person behandeln - der ließ es sich gefallen und brummelte allenfalls etwas Unverständliches in sich hinein. Dafür durfte er anschließend unter vier Augen mit dem Generalsekretär die Sicherheitslage besprechen - und tat sich dann wegen dieses Privilegs gegenüber seinen Untergebenen wichtig. Schalck-Golodkowski drückte es so aus: "Mielke wusste, was der Generalsekretär denkt, und hat ihm bedingungslos gedient." Enttäuscht war Mielke deshalb, dass er nicht in Honeckers privaten Freundeskreis aufgenommen wurde.

Ein Beispiel, das Mielkes devote Haltung illustriert, erzählte mir Wolfgang Vogel. Als der Rechtsanwalt im Juni 1973, nach dem Besuch Herbert Wehners in der Schorfheide, zum ersten Mal zu einem persönlichen Gespräch zu Honecker bestellt wurde, wartete im Vorzimmer seines ZK-Büros auch Erich Mielke, und sie wurden gemeinsam empfangen, denn es sollte die Rolle Vogels zwischen dem Generalsekretär und der Stasi definiert werden. Als Honecker während des Gesprächs in seinem Arbeitszimmer aufstand, um zum Telefon zu gehen, sprang Mielke sofort auf und blieb während des gesamten Telefonats stehen; dabei gab er Vogel Handzeichen, er solle sich auch erheben.

Ein anderes bizarres Beispiel gibt Thomas Grimm in seinem soeben erschienenen Buch "Politbüro privat": Bei gemeinsamen Jagden musste erst Honecker seinen Hirsch erlegt haben, ehe Mielke abdrückte - selbst wenn ihm schon zuvor das Wild direkt vor die Flinte gelaufen war.

Mielke war - um das Herr-und-Hund-Verhältnis ein bisschen freundlicher zu beschreiben - absolut loyal. Das hatte mehrere Gründe.

Zum einen lag es in Mielkes Verständnis von der Rolle der Staatssicherheit in einer kommunistischen Partei: Die Nummer eins war unantastbar.

Es lag, zweitens, in Mielkes absoluter Moskau-Hörigkeit. Was die Päpste im Kreml sagten, war heiliges Wort. Mit dem KGB hielt er engsten Kontakt, seine Urlaube verbrachte er regelmäßig in der Sowjetunion. Und er bezeichnete sich ja gelegentlich selbst als "Vertreter der Sowjetmacht in der Partei". Honecker war 1971 mit dem Segen Moskaus an die Macht gekommen, Breschnew hatte ihm beim Sturz Ulbrichts geholfen, und damit hatte der neue SED-Chef in Mielkes Augen die höchste Legitimität. (Nebenbei gesagt: Mielkes Moskau-Gläubigkeit entfremdete ihn in der Endphase auch von Honecker, der die DDR vom Einfluss der Gorbatschow-Reformen freihalten wollte - nicht, dass Mielke für Glasnost und Perestroika gewesen wäre, aber er anerkannte den unbedingten Primat des Kreml.)

Mielkes jahrzehntelange Loyalität gegenüber Honecker hatte, drittens, auch persönliche Gründe: Honecker, damals ZK-Sekretär für Sicherheit und noch im Verein mit Ulbricht, hatte Mielke 1957 zum Stasi-Minister befördert. Mielke stand Honecker dafür bei der Ablösung Ulbrichts treu zur Seite, und kaum war Honecker an der Macht, holte er Mielke zum Dank umgehend ins Politbüro.

Zwar hat Mielke gelegentlich mit Genossen wie Willi Stoph und Werner Krolikowski gegen Honecker gestänkert, zwar hat er ihn gelegentlich in Moskau angeschwärzt - offen aufgestanden gegen ihn ist er nie. Deshalb wäre er wohl auch zu feige gewesen, einen Erpressungsversuch zu wagen. Wenn denn der Vorstoß in der Politbüro-Sitzung ein Erpressungsversuch sein sollte, dann ist er ja auch gleich jämmerlich zusammengebrochen.

Aber: Welchen Sinn hätte eine Erpressung da auch noch ergeben sollen? Wen hätte Mielke in der zusammenkrachenden DDR noch damit beeindrucken können, dass der sieche Parteichef in der Nazi-Zeit, 50 Jahre davor, vielleicht nicht immer ganz so heldenhaft war, wie es die offizielle Biografie verkündete?

Mielke hatte das angeblich belastende Konvolut ja schon seit den frühen siebziger Jahren in seinem Besitz. Da hätte er - zumindest theoretisch - auch schon früher davon Gebrauch machen können. Zudem befanden sich ja Kopien davon im Parteiarchiv. Man kann also wohl davon ausgehen, dass Honecker die ganze Zeit von der Existenz der Akten wusste.

In dem Spiegel-Gespräch, das ich im August 1992 zusammen mit zwei Kollegen mit Erich Mielke in der Untersuchungshaftanstalt Moabit führte, sagte er auf der Vermutung, er habe Honecker mit dem Kofferinhalt erpresst: "Ach, das ist doch Unsinn. Auf solche Gedanken würde ich nie kommen. Meine Haltung ist immer gewesen, den Generalsekretär und die verantwortlichen Funktionäre zu schützen. Und alles abzuwenden, was ihr Ansehen und das der Partei hätte schädigen können." Nachfrage: "Haben Sie deshalb die Honecker-Unterlagen persönlich verwahrt, damit sie niemand gegen ihn verwenden konnte?" Antwort Mielke: "Das ist richtig, damit keiner da rankommt. Honecker wusste, dass wir diese Akte haben. Wir haben sie ihm gezeigt. Er hat volles Vertrauen gehabt zu uns."

Nun muss man natürlich Mielke nicht aufs Wort glauben. Aber zwischen den Zeilen ist da noch etwas anderes herauszulesen: dass der Inhalt des roten Koffers wohl in erster Linie Mielkes Selbstschutz diente.

Denn Mielke hatte seine eigene Biografie nicht nur geschönt wie Honecker, sondern kräftig gefälscht. Mielkes Rolle im Spanischen Bürgerkrieg und in Frankreich während der deutschen Besatzung ist ziemlich dubios, um das mindeste zu sagen. Sicher ist, dass er seit Januar 1944 der Organisation Todt angehörte, die in den besetzten Ländern Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge zum Bau militärischer Anlagen einsetzte. Mit der OT kehrte er im Dezember 1944 nach Deutschland zurück und schlug sich schließlich im Juni 1945 nach Berlin durch. So steht es in einem Lebenslauf, den Mielke 1951 verfasste, wobei er die wenig rühmliche Verpflichtung für die Organisation Todt als Tätigkeit in einer "Arbeiterkompanie" kaschierte.

Auf jeden Fall ist aktenkundig, dass Mielke im westlichen Ausland war. Später versuchte er jedoch den Eindruck zu erwecken, er habe die Kriegszeit in Moskau verbracht - und Honecker half kräftig mit an der Legendenbildung.

Zum 70. Geburtstag Mielkes am 28. Dezember 1977 erschien im "Neuen Deutschland" eine Eloge Honeckers auf seinen Stasi-Minister, in der es u. a. heißt: "In unwandelbarer Treue zur Sowjetunion und als glühender Internationalist nahmst Du im Großen Vaterländischen Krieg an der Verteidigung des ersten sozialistischen Staates der Welt und an der Zerschlagung des Faschismus teil." Die geografische Verlegung der Mielkeschen Emigration von West nach Ost, von Frankreich in die Sowjetunion - ein Partei- und Staatsgeheimnis bis zum Ende der DDR - wurde 1987 im "ND" bekräftigt: "Unvergessen sind Dein Mut und Dein selbstloser Einsatz an der Seite der sowjetischen Klassengenossen im Großen Vaterländischen Krieg."

Man darf sicher unterstellen, dass Honecker den von Mielke selbst verfassten Lebenslauf aus der Frühzeit der DDR kannte. Dann wusste er auch, dass die Geburtstagshymnen eine grobe Lüge der offiziellen Mielke-Biografie zementierten.

So stellt sich am Schluss die alte Leninsche Frage: Wer wen? Wer kontrollierte wen? Wer hatte wen in der Hand? Wer erpresste wen? Mielke Honecker? Oder Honecker Mielke? Leichen im Keller hatten sie beide, und beide kannten sie genau.