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Die Methoden der Stasi

Bei Eingriffen in die Selbstverwirklichung agierte die Stasi zunächst als Zuträger von Informationen an die Parteiführung und staatliche Entscheidungsträger. Je drastischer die Einschätzungen der Stasi ausfielen, umso heftiger wurden die Maßnahmen des Politbüros. Ob jemand bspw. wegen eines Sympathie-Symbols für eine ideologisch nicht gewünschte Band von der Schule flog oder gar ins Gefängnis musste, hing auch davon ab, wie die Stasi ihre Berichte verfasste und zu welchen Zeitpunkten die Maßnahmen durchzuführen waren.

Beat-Musik in der DDR: Zwei Musiker mit langen Haaren singen ein Lied.Beat-Musiker in der DDR. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-K1003-0018, Fotograf Katschorowski-Stark, Vera

Als Informationssammler trat die mit strafrechtlichen Ermittlungen befasste Hauptabteilung IX auf, ebenso die für den politischen Untergrund zuständige Hauptabteilung XX. Über Entwicklungen und Stimmungslagen in der breiten Gesellschaft berichtete die ZAIG (Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe) dann an die Partei- und Staatsführung. Sie war nach den Unruhen des 17. Juni 1953 eingerichtet worden.

Unterwanderte Jugendkulturen

Was die Staatssicherheit beispielsweise in den 60er Jahren aus der Beobachtung von Jugendkulturen zusammen trug, zeigte bald, dass es den gesammelten Informationen an Tiefe fehlte. Außerdem erkannten die MfS-Offiziere, dass es an direkten Einflussmöglichkeiten auf die Szene fehlte. Deshalb unterwanderte die Stasi die Jugendkulturen mit Spitzeln und Informanten. Ab Mitte der 70er Jahre waren sie an vielen Schnittstelen in den Medien, in Musikgruppen, in Fanclubs und Managerbüros zu finden.

Mit ihrer Hilfe konnte das MfS wesentlich präzisere Berichte anfertigen, in denen äußere Erscheinungsformen und das Verhalten Einzelner oder Gruppen eine Rolle spielten. In einigen Fällen schürte die Stasi in ihren Berichten Alarmstimmung gegen Jugendliche und verwandelte in den Berichten individuelle Vorlieben einzelner in gefährliche Tendenzen unter Jugendlichen – eine Handlungsaufforderung an die Instanzen der SED, kulturpolitisch zu handeln.

Auch wenn dies nicht immer auf die Stasi zurückzuführen ist, handelte die SED tatsächlich. Sie wirkte zum Beispiel über Schulen und ihre Lehrer, Kulturentscheider oder die Volkspolizei auf das Aussehen junger Leute ein. Sie beeinflusste die Musikauswahl von Jugendsendern und unterwarf Musikgruppen einem enormen Anpassungsdruck, indem sie deren Auftritte unter den Vorbehalt einer Zustimmung staatlicher Instanzen stellte.

Foto eines von der Stasi abgelichteten tätowierten Mannes.Foto eines von der Stasi abgelichteten tätowierten Mannes. Ein von der gesellschaftlichen Norm abweichendes Aussehen konnte Menschen in den Augen des MfS verdächtig machen. Quelle: BStU, MfS, HA IX, Fo 2183, Bild 0005

Überwachung und "Zersetzung"

Glaubte das MfS politische Ziele in einer Jugendgruppe zu erkennen, konnte es selbst intensive Überwachung oder so genannte "Zersetzungsmaßnahmen" einleiten. Dabei orientierte sich die Stasi an ihren internen Erkennungsschlüsseln. Diese richteten sich nach Aussehen, Kleidung, Auftreten, aber auch familiärem Hintergrund. Menschen konnten allein wegen ihres Aussehens in den Fokus der Geheimpolizei geraten.

Desinformationskampagnen sollten die Gruppen im Ganzen verunsichern oder misstrauisch machen. Einzelne Mitglieder konnten durch Einberufung in die Nationale Volksarmee (NVA) oder die Vereinnahmung durch andere staatliche Organe gezielt aus einer Gruppe entfernt werden. Durch Anwerbung eines IM aus einer Gemeinschaft konnten MfS-Mitarbeiter diesen gezielt manipulieren und Informationen aus erster Hand abschöpfen.

Am Ende sollte so ein Disziplinierungseffekt erzielt werden - im Umkehrschluss wurde damit die freie Persönlichkeitsentwicklung beschnitten. Damit im Verlauf einer Strafmaßnahme auch wirklich das Ziel erreicht wurde, sorgte die Stasi dafür, dass das konstruierte "Feindbild" zu einem Jugendlichen auch bei polizeilichen Ermittlern, Staatsanwälten und in der Rechtsprechung verbreitet war.

Angebote der Behörde

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