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Das Recht auf Selbstverwirklichung

Jeder Mensch ist anders, denkt anders, und möchte sich selbst verwirklichen – ein Grundbedürfnis, das in demokratischen Gesellschaften als schützenswertes Gut betrachtet wird. Die Vielfalt menschlichen Seins ist erwünscht. In der DDR bedeutete diese Vielfalt des individuellen Ausdrucks für die Staatspartei SED jedoch eine Gefahr für die eigene Macht.

Die Abweichung von der Norm des "sozialistischen Menschen", dem klassenbewussten und überzeugten Sozialisten, war den Parteifunktionären verdächtig, weil potenziell nicht mehr kontrollierbar. Der freien Entfaltung der Persönlichkeit wurden folglich enge Grenzen gesetzt. Der Auftrag der Partei an die Staatssicherheit war daher: abweichendes Verhalten im sozialistischen Alltag zu dokumentieren, es als "feindlich" zu definieren und es dann mit den Methoden einer Geheimpolizei zu bekämpfen.

Im Kontext der Menschenrechte umfasst das Recht auf freie Entfaltung in erster Linie das Selbstbestimmungsrecht. Dazu gehört die Freiheit, das äußere Erscheinungsbild selbst zu bestimmen; die Freiheit, Beruf, Ausbildung und Studium im Rahmen von allgemeinen Zulassungsbeschränkungen zu wählen; das Recht, vor illegalen staatlichen Eingriffen geschützt zu sein.

Fotoaufnahme des Staatssicherheitsdienstes von einem Nietengürtel wie ihn vor allem Punks trugen.Fotoaufnahme des Staatssicherheitsdienstes von einem Nietengürtel wie ihn vor allem Punks trugen. Quelle: BStU, MfS, HA IX, Fo 1705, Bild 0001

Keine freie Entfaltung

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948 hält in Artikel 22 die "freie Entwicklung des Menschen" als Jedermanns Recht fest. Auch in der DDR-Verfassung ist die Rede von der "freie[n] Entwicklung des Menschen" sowie davon, seine "Kräfte aus freiem Entschluß […] ungehindert zu entfalten". Allerdings findet sich im selben Dokument eine Passage, die Eltern verpflichtet, ihre Kinder im Zusammenwirken mit staatlichen Institutionen "zu staatsbewußten Bürgern zu erziehen". Eine Einschränkung für die Entfaltung der Persönlichkeit ist im SED-Staat also von Anbeginn angelegt gewesen.

Bei der Verfolgung von abweichendem Verhalten arbeitete die Stasi eng mit anderen staatlichen Institutionen wie der Volkspolizei zusammen. Ihre Strategien gegen die freie Entfaltung von Persönlichkeit in der SED-Diktatur waren stark davon abhängig, welche politischen Vorgaben die Parteiführung machte. Fuhr das Politbüro einen liberalen Kurs, dann handelte auch die Stasi weniger restriktiv und umgekehrt.

Zentral war dabei das Sicherheitsbedürfnis der Staatsführung. Vor allem politische oder vermeintlich politische Aspekte des "Andersseins" beunruhigten die SED. Beispielsweise gerieten alternative, aus der Perspektive der Partei vom Westen beeinflusste Jugendkulturen stark in den Fokus der Geheimpolizei. In den 60er Jahren war das die Beat-Bewegung, später in den 80er Jahren die Punks.

Musiker im Fokus

Rockmusiker und deren Fans standen per se im Blickpunkt der Stasi. Lange Haare oder ein bestimmter Kleidungsstil setzten die Stasi-Mitarbeiter in ihren Berichten mit "negativen" politischen Einstellungen gleich. Aus den Stasi-Dokumenten werden die Vorbehalte gegen Aussehen und Auftreten der Rocker (Musiker und Fans) deutlich – wie sie allerdings auch in großen Teilen der Gesellschaft verbreitet waren. Die teilweise skandalisierende und verallgemeinernde Berichterstattung der MfS-Mitarbeiter hat so auch dazu beigetragen, die freie Entfaltung junger Menschen massiv einzuschränken.

Eine Rockmusikgruppe bei ihrem Auftritt am 14. Februar 1979.Eine Rockmusikgruppe bei ihrem Auftritt am 14. Februar 1979. Auch Musiker gerieten immer wieder ins Blickfeld der Staatssicherheit. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-U0214-024, Fotograf Bartocha, Benno

Inoffizielle Mitarbeitern (IM) unterwanderten Gruppen von Jugendlichen, sammelten Informationen und halfen so, deren Mitglieder zu verunsichern. Denn unter anderem auf der Grundlage von IM-Berichten traten die Volkspolizei oder andere Staatsorgane als Vollstrecker auf. Ende der 60er Jahre griffen Polizisten langhaarige Jugendliche auf der Straße auf, um ihnen auf dem Revier oder in der Öffentlichkeit die Haare abzuschneiden.

Karriere in Gefahr

Die freie Entfaltung der Persönlichkeit in der DDR stieß auch in der beruflichen Entwicklung schnell auf Grenzen. Der persönliche Aufstieg war stark von politischen Ansichten abhängig, kritische Meinungsäußerungen, die dem Parteisekretär oder auch der Geheimpolizei bekannt wurden, konnten leicht eine Lebens- und Karriereplanung zerstören. Die Rolle der Stasi bestand dabei vor allem im Zusammentragen und Weitergeben von Informationen. Die konkreten Eingriffe steuerte der SED-Parteiapparat mit seiner politisch motivierten Personalpolitik. Sie versperrte denjenigen eine Karriere, die durch ihre eigene Einschätzung der Stasi negativ auffallen sollten.

In der Summe wollten viele Bürger dies zum Ende der DDR nicht mehr hinnehmen. Die Desillusionierung durch den Mangel an Entfaltungsmöglichkeiten führte, nach den großen Fluchtbewegungen der 50er Jahren, wieder zu einem wachsenden Ausreisewillen. Die Mechanismen der Einschüchterung und Überwachung waren für viele nicht mehr wirksam genug, um sie vom mühsamen Prozess der Ausreise abzuhalten. Die SED-Führung konnte diese Protestbewegung Ende der 80er Jahre nicht mehr eindämmen und so wurde auch ihr Schwert und Schild, die Staatssicherheit wirkungsloser.

Weiterlesen: Die Methoden der Stasi