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Das Recht auf Würde des Menschen

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte stellt in Artikel 1 fest: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde." Eine ganze Palette an Schutz- und Abwehrrechten ist in diesen wenigen Worten enthalten. Die Menschenwürde gilt als Summe aller Menschenrechte. Darunter fallen die Verbote gegen psychische und physische Folter, Erniedrigungen, Willkür sowie Brandmarkungen. Die Garantie für ein würdevolles Leben umfasst zwingend das Recht auf körperliche Unversehrtheit und gedankliche Eigenständigkeit. Das heißt, Menschen dürfen nicht zum bloßen Objekt staatlichen Handelns herabgewürdigt werden.

Auch die Verfassung der DDR garantierte in Artikel 19 "Achtung und Schutz der Würde und Freiheit der Persönlichkeit sind Gebot für alle staatlichen Organe". Betrachtet man das Handeln der Staatssicherheit in seiner Gesamtheit, sind deren Maßnahmen aber darauf ausgerichtet, die Menschenwürde zu verletzen.

Eine systematisch angewandte Methode ragt besonders heraus: die sogenannte "politisch-operative Zersetzung" von Menschen. Gemeint ist damit die komplette Verunsicherung einer Person, die Zerstörung ihrer Persönlichkeit bis hin zur Auslösung von Traumata. Im Einzelfall nahm das MfS dabei sogar ihren Tod billigend in Kauf. Laut Wörterbuch der Staatssicherheit sollte dadurch Einfluss auf die "Einstellungen und Überzeugungen" einer Person genommen werden, "[..] daß diese erschüttert oder allmählich verändert werden". Ziel sei "[...] die Zersplitterung, Lähmung, Desorganisierung und Isolierung feindlich-negativer Kräfte". (BStU, MfS, GVS, JHS 001-400/81, Seite 464)

Ein Häftling geht durch den Zellengang. Ein Wärter begleitet ihn.Fotodokumentation der Stasi über Einrichtung und Sicherungsmaßnahmen in Haftanstalten aus dem Jahr 1967. Quelle: BStU, MfS, Abt. XIV, Fo 0069, Bild 0006

Ausweichstrategie

"Zersetzung" als Methode des Umgangs mit politisch unliebsamen Bürgern entstand quasi als Ausweichstrategie. Denn das strafrechtliche Vorgehen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) und anderer staatlicher Stellen gegen Oppositionelle erregte zunehmend Kritik. Wachsende Bedenken kamen insbesondere seit der leichten Öffnung der DDR im Zuge der Entspannungspolitik der 70er Jahre aus der Bundesrepublik. Konsequenzen für das internationale Ansehen der DDR und deren Stellung im Welthandel ließen sich vermeiden, wenn unliebsame Personen nicht verhaftet, sondern durch "Zersetzung" handlungsunfähig gemacht wurden. In der Logik des MfS waren diese Personen "weit weniger gefährlich als inhaftierte 'Märtyrer'".

Im Vorfeld einer geplanten "Zersetzung" suchte die Stasi nach Schwachpunkten eines Menschen, um genau dort Maßnahmen anzusetzen. Diese zielten explizit auf die Zerstörung der individuellen Würde. Je nach Wirksamkeit streute die Stasi verleumdende Gerüchte, schüchterte ein, griff in das Berufsumfeld und das Privatleben ein, kriminalisierte das Handeln von Betroffenen und organisierte massive Beeinträchtigungen des Alltags. Die einzelnen Maßnahmen wurden individuell zugeschnitten und kombiniert.

Zermürben und Erniedrigen

Wenn politisch Andersdenkende im Gefängnis landeten, waren dort Verletzungen der Menschenwürde an der Tagesordnung. In den Zellen der MfS-Untersuchungshaftanstalten sollten Isolation, Schlafentzug und ständige Kontrolle die Gefangenen zermürben, erniedrigen und so für die Verhöre vorbereiten. Diese Methoden zielten darauf, den Willen und die Würde des Einzelnen zu brechen und ihn so gefügig zu machen.

Von der Stasi vermutlich kurz nach der Festnahme der Fluchtwilligen nachgestelltes Foto um 1972. Mutter und Kind sowie vermutlich der Fluchthelfer stehen vor dem geöffneten Kofferraum eines in Westberlin gemeldeten Fahrzeugs.Von der Stasi vermutlich kurz nach der Festnahme der Fluchtwilligen nachgestelltes Foto um 1972. Mutter und Kind sowie vermutlich der Fluchthelfer stehen vor dem geöffneten Kofferraum eines in Westberlin gemeldeten Fahrzeugs. Quelle: BStU, MfS, HA IX, Fo 1373, Bild 0006

Da die Stasi auch Menschen als Straftäter ansah, die die DDR verlassen wollten, wurden sie wie Strafgefangene gedemütigt. Bilderserien der Stasi zeigen Menschen in Kofferräumen und andere Verstecke gequetscht. Die zuständigen MfS-Offiziere hatten die "Republikflüchtlinge" nicht nur verhaftet. In Anlehnung an eine von der Kriminalpolizei entwickelte Methode mussten diese die Verhaftungssituation nachstellen und sich dabei ablichten lassen.

Weiterlesen: Methoden der Stasi