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Die Methoden der Stasi

"Angriff auf die Seele des Menschen"

Die Strategie der "Zersetzung" bezeichnete der Schriftsteller und ehemalige politischen Häftling Jürgen Fuchs als "Angriff auf die Seele des Menschen". Die "Zielperson", der "Gegner" oder der "Feind", wie die Stasi ihre Opfer in den Akten bezeichnete, sollten durch die Maßnahmen der Stasi verunsichert werden. Sie sollten zu keiner anderen Handlung mehr fähig sein, als sich mit ihrem zusammengebrochenen Leben zu beschäftigen.

Absolute Anonymität der Maßnahmen war Voraussetzung für ihren Erfolg. Weder das Opfer noch sein Umfeld sollten die Stasi hinter den Attacken vermuten. Zweitens kam es auf eine jeweils passgenaue, individuelle Strategie an. Dafür war ein umfangreiches Anhäufen von Informationen notwendig, um die Schwächen einer Person ausfindig zu machen und sie dort anzugreifen.

Das Ziel der "Zersetzung" war es, Selbstvertrauen zu zerstören. Die Stasi wollte Angst, Panik und Verwirrung erzeugen, ihren Zielpersonen Liebe und Geborgenheit von Freunden und Familie entziehen, Enttäuschung und Unzufriedenheit provozieren oder eine öffentliche Stigmatisierung erreichen. Die Konstanten eines menschlichen Lebens wollte sie so schrittweise zerstören.

Hier eine Zellentür in der Haftanstalt Schwerin.Fotodokumentation der Stasi über Einrichtung und Sicherungsmaßnahmen in Haftanstalten aus dem Jahr 1967. Quelle: BStU, MfS, Abt. XIV, Fo 0069, Bild 0008

Die Reichweite der hauptamtlichen und inoffiziellen Mitarbeiter genügte jedoch nicht immer, um die vielschichtigen Pläne umzusetzen. Die Stasi war auf das Zusammenspiel mit anderen staatlichen Stellen angewiesen. Sie nannte das abgekürzt POZW – politisch-operatives Zusammenwirken. Mit dieser Vorgehensweise konnte die Staatssicherheit ihre Beteiligung an der "Zersetzung" weiter vertuschen.

Maßnahmen der "Zersetzung" wurden gegen Gruppen und Einzelpersonen angewandt, in jedem Fall stellten sie einen Angriff auf die Menschenwürde dar. Das MfS organisierte zum Beispiel beruflichen Misserfolg, um Existenzängste oder Unzufriedenheit zu schüren. Permanente Vorladungen durch Polizei oder Verwaltungseinrichtungen sollten einschüchtern. Dem MfS verpflichtete Ärzte wurden gegen die betreffende Person eingesetzt. Es kam vor, dass sie eine "den Wünschen der bearbeiteten Hauptperson widersprechende medizinische Betreuung" einleiteten.

Erniedrigungen, Stigmatisierung und Diskreditierungen durch Desinformation gehörten ebenfalls zum Standardrepertoire der "Zersetzung". Beispiele dafür sind Gerüchte über vermeintliche sexuelle Vorlieben oder über eine Zusammenarbeit mit dem MfS – eine Taktik, die eine Person innerhalb einer Gruppe isolierte. Die Betroffenen wurden so oft vor erhebliche Probleme im Freundes-, Familien oder Kollegenkreis gestellt. Je nach Art und Wirkung der Falschinformation kam das einer gesellschaftlichen Isolation oder Ächtung gleich.

Ebenso verhielt es sich mit erdachten und konstruierten kriminellen Vergehen, die den Opfern noch über Jahre anhingen und schwer zu widerlegen waren. In die gleiche Richtung zielte die Zerrüttung von Familienbeziehungen durch das Vortäuschen außerehelicher Kontakte oder die planmäßige Entfremdung der eigenen Kinder.

Diese eher "leisen" Methoden konnten auch in Offenkundige umschlagen. In den Akten sind ständige Telefonanrufe, permanente Belästigung durch Annoncenschaltung, Vandalismus am privaten Eigentum und sogar körperliche Übergriffe überliefert. Im Einzelfall nahmen die Stasi-Offiziere sogar den Tod als Folge ihrer Tätigkeit billigend in Kauf.

Politische Haft und Verhörmethoden

Menschen, die nach den politischen Strafparagrafen der DDR verurteilt und inhaftiert wurden, erlebten im Gefängnis eine weitere Demütigung. In den Augen des Gefängnispersonals waren sie minderwertiger als die kriminellen Häftlinge. In den 80er Jahren wurden schätzungsweise 4.000 Menschen pro Jahr wegen politischer Straftaten inhaftiert.

Die würdelose Behandlung begann bereits in der Untersuchungshaft bei den Verhören durch die Staatssicherheit. Solche Verhöre waren für für die Beweisführung zum bevorstehenden Gerichtsverfahren von besonderer Bedeutung. Die oftmals illegal zustande gekommenen oder manchmal auch erfundenen Ermittlungsergebnisse sollten vor Gericht durch ein Geständnis verwertbar werden. Um das Ziel eines "Geständnisses" zu erreichen, hatten die Vernehmer der Stasi ein ganzes Arsenal psychologischer Methoden und bediente sich dabei auch wissenschaftlicher Erkenntnisse. Physische Folter war selten, wurde jedoch angedroht. Nicht nur in Einzelfällen kamen Psychopharmaka in Stasi-Haftanstalten und -Krankenhäusern zum Einsatz.

Ein Häftling wird gerade von einem Wärter in seine Zelle gelassen. Ein weiterer Wärter beobachtet das Geschehen.Fotodokumentation der Stasi über Einrichtung und Sicherungsmaßnahmen in Haftanstalten aus dem Jahr 1967. Quelle: BStU, MfS, Abt. XIV, Fo 0069, Bild 00013

In den oft Stunden dauernden Verhören arbeiteten die Vernehmer mit planvoller Zermürbung, Desinformation, Einschüchterung oder erzeugten ein ständiges Gefühl der Ungewissheit. Eine beliebte Finte war es, Bezüge zu Kindern und Familie herzustellen - zum Beispiel mit der Drohung diese zu verhaften oder für immer den Kontakt zu unterbinden. In politischen Ermittlungsverfahren kam es überdies zu einer unterstützenden Zusammenarbeit mit Psychiatern, die Schwachstellen der Inhaftierten offenlegten und mögliche Ansatzpunkte definierten, um die Person zu "brechen".

Zwar verbesserten sich die Haftbedingungen von den 50ern bis in die 80er Jahre in der U-Haft der Stasi merklich. Trotzdem gab es auch kurz vor dem Zusammenbruch des SED-Regimes katastrophale Umstände zu beklagen. Sie dienten bis ins Detail der Unterstützung und Vorbereitung der Verhöre. Die Häftlinge erhielten schlechtes und zu wenig Essen, nur mangelhafte ärztliche Betreuung und waren permanenter Überwachung und Kontrolle ausgeliefert. Berichten ehemaliger Häftlinge zu Folge war besonders dieser Umstand belastend. Einerseits reichte die Überwachung bis in sehr private Situationen und wirkte dadurch entwürdigend. Andererseits verhinderte die ständige Beobachtung durchgängigen Schlaf und wirkte so als Folter.

In Verbindung mit den Methoden des Verhörs konnten Gefangene so gefügig gemacht werden. Führte dieser Weg nicht zum Erfolg, gab es verschärfte Maßnahmen. Einzel- oder Dunkelhaft, Stehzellen, Übergriffe durch die Wärter, willkürliche Strafmaßnahmen waren keine Ausnahmen, sondern kalkulierte Mittel, um den Willen der Gefangenen zu brechen.

Angebote der Behörde

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