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Das Recht auf Gewissensfreiheit

"Religion ist Opium für das Volk" – ein Zitat von Karl Marx, dessen sich die SED-Führung nur allzu gerne bediente. Religiöse Einstellungen und Lebensweisen waren mit der sozialistischen Ideologie des SED-Staates schlecht zu vereinen. Entsprechend kritisch bewerteten die Machthaber das religiöse Leben in der DDR. Kirchliche Einrichtungen und ihre Mitarbeiter wurden zum Ziel der Überwachung, Bespitzelung und Manipulation durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Die Stasi unterlief so das Menschenrecht auf freie Religionsausübung, das auch im DDR-Recht in Artikel 20 der Verfassung verankert war. Darin hieß es: "Gewissens- und Glaubensfreiheit sind gewährleistet."

Zum 50. Geburtstag des 1. Stellvertreter Operativ der BV Berlin des MfS, Siegfried Hähnel, gratuliert ihm der Referatsleiter der Hauptabteilung XX/4, Joachim Wiegand, in einem Bischofs-Kostüm.Zum 50. Geburtstag des 1. Stellvertreter Operativ der Bezirksverwaltung Berlin des MfS, Siegfried Hähnel, gratuliert ihm der Referatsleiter der Hauptabteilung XX/4, Joachim Wiegand, in einem Bischofs-Kostüm. Quelle: BStU, MfS, BV Bln, Fo 0758, Bild 0048

Das Recht auf Gewissens- und Religionsfreiheit garantiert Bürgern, ihre Religion oder Weltanschauung frei zu bilden und sie ungestört auszuüben. In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 heißt es in Artikel 18: "Jeder Mensch hat Anspruch auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht umfasst die Freiheit, […] seine Religion oder seine Überzeugung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, in der Öffentlichkeit oder privat, durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Vollziehung von Riten zu bekunden."

Fremdkörper im System

Zwar bewahrten sich die Kirchen als einzige größere gesellschaftliche Gruppe eine gewisse Autonomie gegenüber dem SED-Staat. Dennoch versuchte die DDR-Führung, den Einfluss der Kirchen zu verringern. Sie sollten als selbstständige gesellschaftliche Großverbände zurückgedrängt werden. Sie stellten Fremdkörper in einem Herrschaftssystem dar, das darauf beruhte, alle Gesellschaftsbereiche politisch anzugleichen.

Die Staatsicherheit hatte dabei entscheidenden Einfluss. Gemeinsam mit dem Ministerium des Inneren überwachte sie kirchliche Aktivitäten in der DDR und erfasste Gläubige sowie die Mitarbeiter der Kirchen. Mit Hilfe der so gewonnen Informationen konnten religiöse Menschen systematisch benachteiligt werden. Jugendlichen wurden Bildungschancen verwehrt, Erwachsenen die Aufstiegschancen im Beruf, Mitarbeiter der Kirchen verhaftet. Gläubige wurden schikaniert, unter Druck gesetzt und Kirchenaustritte erzwungen.

Die Stasi beobachtete auf dem Alexanderplatz eine Gruppe junger Erwachsener während des Singens von Kirchenliedern am 27. Juni 1987 im Rahmen des Evangelischen Kirchentages in Ostberlin.Die Stasi beobachtete auf dem Alexanderplatz eine Gruppe junger Erwachsener während des Singens von Kirchenliedern am 27. Juni 1987 im Rahmen des Evangelischen Kirchentages in Ostberlin. Quelle: BStU, MfS, BV Bln, Fo 0803, Bild 0019

Gezielt eingesetzte Repressionsmaßnahmen trugen dazu bei, dass Kirchenvertreter Wege suchten, sich mit dem Staat zu arrangieren. Durch den Einsatz Inoffizieller Mitarbeiter (IM) war es für die Stasi zudem möglich, Allianzen mit staatsnahen Würdenträgern zu schmieden. Die Gemeinden erreichten dadurch zwar eine Verbesserung ihrer Lage. Andererseits führten diese Anpassungsstrategien zu internen Spannungen zwischen Kirchenleitungen und Pfarrern, die die staatliche Einflussnahme missbilligten. Diese Konflikte traten beispielsweise auf, als Pfarrer in den 80er Jahren oppositionellen Gruppen Schutzräume unter dem Dach der Kirche boten.

Ziele staatlicher Eingriffe waren vor allem die evangelischen Kirchen, die in der DDR am weitesten verbreitete Glaubensgemeinschaft. Aber auch die katholische Kirche, die in einigen Regionen vertreten war, und kleinere Religionsgemeinschaften wie die Methodisten, Zeugen Jehovas, Baptisten und Juden wurden verfolgt. Dabei gab es jedoch auch Unterschiede. Die Zeugen Jehovas waren beispielsweise sehr starken Repressionen ausgesetzt.

Basislager der Revolution

Durch die staatlichen Maßnahmen und teilweise mit Hilfe der Staatssicherheit verstärkte sich die Entchristlichung der Gesellschaft. 1949, zum Zeitpunkt der Gründung der DDR, waren ca. 92 Prozent der Bevölkerung Christen, 1988 gehörten nur noch 40 Prozent einer Glaubensgemeinschaft an. Dennoch behielten die Kirchen bis zum Ende der DDR eine gewisse Unabhängigkeit. In den 80er Jahren fanden oppositionelle Gruppen aus der Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsbewegung Schutz unter dem Dach der Gemeinden. Indem Pfarrer ihre Gemeinderäume als Treffpunkte und Veranstaltungsorte zur Verfügung stellten, bildeten die Kirchen 1989 im ganzen Land ein Basislager für die Demonstrationen, die zum Ende der DDR führten.

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